Tiefe Ehrfurcht vor der Hostie

Zur Verehrung des Altarsakraments in der katholischen Kirche

Es ist allgemein bekannt, dass sich an der Verehrung der Hostie, der Opfergabe, wie dies lateinische Wort zu übersetzen ist, nach dem II. Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche viel geändert hat. Die meisten Christen beugen nicht mehr ihr Knie vor dem heiligsten Altarsakrament. Viele Ehrfurchtsformen sind verschwunden. Die Reformer versicherten dem frommen Volk, dass die Ehrfurcht der Hostie gegenüber, die Anbetung der Hostie als wirkliche körperliche Erscheinung Jesu Christi in der Kirche der Apostel und ihrer frühen Nachfolger unbekannt gewesen sei. Diese Hostienverehrung sei mittelalterlich, hieß es, theologisch nicht haltbar.

Ehrfurcht vor der Hostie oder gleiche Augenhöhe? Die Antwort ist einfach. „Das ist mein Leib, der für euch und für viele dahingegeben wird“, hat Christus beim Letzten Abendmahl gesagt. Entweder war Christus ein Scharlatan oder nicht. Wenn nicht, so ist die göttliche Gegenwart in der Hostie real. Dass sie dann höchste Verehrung und größte Ehrfurcht genießen muss, ohne dass die Gläubigen skrupulös werden dürfen, ist nur selbstverständlich. Der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach über die Verehrung der heiligen Hostie, wie er sie schon als Kind in der katholischen Kirche erlebt und sich zu eigen gemacht hat.

von Martin Mosebach

Ich möchte Ihnen zunächst vor allem von der heiligen Hostie erzählen, wie ich mit ihr in Berührung kam und was ich über den Umgang mit ihr erfahren habe. Als Kind sah ich sie zunächst nur aus großer Ferne. Priester und Leviten waren in golddurchwirkten Gewändern auf- und abgeschritten, hatten sich verneigt, beräuchert, hatten gesungen und gesprochen und nun war es unversehens in der bis dahin vom Orgelton durchrauschten, menschenerfüllten Kirche still geworden, der Priester beugte sich über den Altar, an seiner Haltung war ablesbar, dass er dort vorn etwas tat, was aber durch seinen Rücken verdeckt wurde, und zugleich lagen auch die Leviten und die Ministranten auf den Knien, ein silbriges Glöckchenklingeln war zu hören, zugleich setzten die großen Kirchenglocken im Turm zu läuten an. Das war ein zunächst mühevolles Schwingen der mächtigen Metallkörper, die einen taumelnden und unrhythmischen Klang hervorbrachten, und die Luft mit diesem scheinbar grenzenlosen Hall durchdrangen, der allmählich dann ein gleichmäßiges Geläut wurde; der Messdiener mit dem Rauchfass legte neue Weihrauchkörner aus dem silbernen, „Schiffchen“ genannten Gefäß auf die glühende Kohle, und dicke weiße Wolken stiegen auf, die sich im ganzen Chorraum verbreiteten und die Luft dort vorn in ein Schwimmen versetzten.

Und nun richtete sich der Priester wieder auf und hob in diese bläulich rauchige Luft, in der die Strahlen der Morgensonne zu etwas Materiellem wurden, eine kleine weiße Scheibe hoch über seinen Kopf. Die Menschen in der Kirche knieten, viele schlugen sich an die Brust, andere neigten den Kopf, als wagten sie nicht, die weiße Scheibe anzuschauen, andere bekreuzigten sich, als bedürften sie angesichts dieses Anblicks noch eines besonderen Schutzes. Das Schweigen dauerte auch nach dieser Erhebung an. Die Glocken wurden wieder langsamer und verklangen. Aber der Bann blieb stark; erst ein erneutes Zeichen der silbrigen Glöckchen brach ihn, die Menschen standen auf und beteten leise mit, während der Priester am Altar mit ausgebreiteten Händen das Paternoster sang.

Das Privileg, die heiligen Gefäße zu berühren

Als kleiner Messbub erhielt ich Gelegenheit, diesen Eindruck zu vertiefen. In der Sakristei erlebte ich, wie der alte Küster, der schon von seinem Sohn bei vielen Arbeiten entlastet wurde, die heiligen Gefäße für die Opferhandlung herrichtete. Er entnahm einem kleinen zylindrischen Lederkoffer den reich verzierten Kelch, der einen besonders breiten Fuß hatte, damit er vor allzu leichtem Umkippen bewahrt wurde, und dessen schmaler werdender Hals unter der Wölbung der Coppa eine Verdickung aufwies, den Nodus, wie ich nun lernte. Von Ferne hatte ich schon gesehen, dass der Priester nach der Erhebung der Hostie beim Beten Daumen und Zeigefinger zusammenlegte. Der Zeremoniar wandte die Seiten im Messbuch um, sodass der Priester diese beiden Finger nicht auseinander nehmen musste.

Der Tabernakelschlüssel war beim Griff so breit geformt, dass der Priester den Schlüssel zwischen Zeigefinger und Mittelfinger halten konnte, wenn er das goldene Schränkchen aufschloss, um ihm den Speisekelch mit den Hostien für die Gemeinde zu entnehmen. Auch der Nodus des Kelches erlaubte ihm, den Kelch bei allen rituellen Erhebungen, aber auch bei der eigenen Kommunion zu halten, ohne Daumen und Zeigefinger auseinander zu nehmen. „Mit den Fingern, mit denen er die heilige Hostie berührt hat, darf der Priester nichts anderes anfassen, bevor er diese Finger nach der Austeilung der Kommunion nicht über dem Kelch mit Wasser und Wein abgespült und die Partikel von der Hostie in dieser Wasser- und Weinmischung zu sich genommen hat“, sagte mir der alte Küster. Er besaß für einen Laien ein bedeutendes Privileg: Er durfte die heiligen Gefäße berühren; der Bischof selbst hatte es ihm gestattet. Sein Sohn durfte es nicht. Wenn der Sohn den Kelch hervorholen wollte, musste er weiße Handschuhe anziehen, desgleichen, wenn er die schwere Monstranz aus dem Schrank holte, die sein Vater nicht mehr heben konnte.

Dafür widmete sich der alte Küster der Altarwäsche. Das Tuch, mit dem der Priester nach der Kommunion den Kelch auswischte und das danach feucht von dem in das heilige Blut gewandelten Wein durchtränkt war, schwenkte er in einer Schüssel voll Wasser. Diese Schüssel wurde in das „Sakrarium“ geleert, einen Ausguss, der sich hinter dem Altar befand und unmittelbar ins Erdreich führte. Auch das Korporale, das quadratische Leinentuch, das in einer Brokattasche in der liturgischen Farbe des jeweiligen Festes aufbewahrt wurde, und das seinen Namen trug, weil das „Corpus Christi“, die konsekrierte Hostie auf ihm lag, wurde in der gleichen Weise gewaschen – es sollte unbedingt verhindert werden, dass ein winziger Splitter der gewandelten Gaben verunehrt würde. Das Korporale wurde sehr steif, beinahe wie Pappkarton gestärkt. Wenn der Priester es auseinanderfaltete, entstand in der Mitte des Tuches durch die scharfen Falten eine Vertiefung wie bei einem Teller, die gleichfalls jedes Stäubchen, das sich von der Hostie lösen mochte, davor bewahrte, irgendwie weggewischt zu werden und womöglich zu Boden zu fallen.

Die Gläubigen knieten vor dem Sanctuarium

Ähnliche Vorsorge war bei der Austeilung der Kommunion getroffen. Die Leute knieten vor einer Schranke, die das Sanctuarium von dem Kirchenschiff abteilte und mit einem weißen Tuch bedeckt war. Sie falteten die Hände und verbargen sie unter dem Tuch – wäre die Hostie bei der Austeilung gefallen, so wäre sie in diesem Tuch gelandet. Außerdem begleitete den austeilenden Priester aber ein Ministrant mit einem kleinen goldenen Tablett, der „Patene“, die der Priester nach der Kommunionausteilung, wenn er den Kelch ausspülte und seine Finger wusch, sorgfältig nach bei der Austeilung herabgefallenen Partikeln absuchte.

Ich erfuhr, dass jeder, der die Kommunion empfangen wollte, sich darauf vorbereiten musste. Damit der Herrenleib wirklich „von gemeiner Speise“ unterschieden sei – wie der Apostel Paulus sich ausdrückt –, sollte er in einen leeren Magen gelangen. Priester mussten ab Mitternacht nüchtern bleiben, wenn sie morgens die Messe zelebrieren sollten. Von dieser Regel wurden die Laien seit Pius XII. ausgenommen, sie brauchten nur noch drei Stunden vor der Kommunion nüchtern zu sein, was aber, wenn sie morgens um acht oder neun in die Messe gingen, meist auf dasselbe wie die ältere Regel hinauslief. In manche Sprachen ist dieser Brauch eingegangen: Im Englischen (breakfast) und Französischen (déjeuner) heißt das Frühstück „Fastenbrechen“ und bezeichnet das Ende des eucharistischen Fastens nach der Messe.

Der Höhepunkt: Fronleichnam

Höhepunkt der Hostienverehrung war ohne Zweifel das Fronleichnamsfest. An Fronleichnam sollte das Festgeheimnis des Gründonnerstags ohne den Trauerschleier der nahen Passion Christi als Freudenund Triumphfest begangen werden. An Fronleichnam sollte der über den Tod gesiegt habende Christus König durch die Stadt ziehen. Eine besonders große Hostie wurde zu dem Zweck konsekriert, um in der Monstranz hinter den Kristallscheiben im Strahlenkranz besonders gut sichtbar zu sein. Für die Prozession hatte man sich der Zeichensprache des mittelalterlichen Protokolls für den Einzug eines Königs in seine Stadt bedient. Die konsekrierte Hostie wurde behandelt, als sei sie ein Monarch.

Blütenmuster und Teppiche bedeckten den Prozessionsweg. Nach dem Brauch, dass ein über Land reisender König als Hoheitszeichen stets Anspruch auf einen Baldachin habe, wurde auch über die Hostie, sobald der Priester mit ihr die Kirche verließ, ein Baldachin oder ein Schirm getragen. Dieses Tragen war ein Ehrendienst. Herausragende Männer der Gemeinde trugen in meiner Jugend, angetan im Stresemann und mit weißen Handschuhen, den Baldachin, an den Seiten des Baldachins gingen Ministranten mit den erwähnten Silberglöckchen und schellten damit in einem fort, sodass die Leute am Straßenrand schon von Weitem das Nahen des Sakramentes hörten, bei dessen Anblick sie anbetend auf die Knie fielen.

Für das Knien gab es besondere Regeln: Die heilige Reserve an konsekrierten Hostien, die für die Krankenkommunion im Tabernakel der Kirche aufbewahrt wurden, wo zum Zeichen, dass der Tabernakel Hostien enthielt, Tag und Nacht eine rote Lampe brannte, wurde mit der Beugung des rechten Knies begrüßt. Die Hostie in der Monstranz hingegen, die beim sakramentalen Segen auf dem Altar stand und an Fronleichnam durch die Straßen getragen wurde, sollte durch einen Kniefall mit beiden Knien geehrt werden, dazu eine Verneigung.

Als Ministrant sah ich die Hostie dann auch von Nahem. Die runde Oblate glänzte leicht. Oft war ein Bild in sie hineingeprägt, ein Kruzifix, ein XR oder an Weihnachten ein kleiner, festgewickelter Jesusknabe. Für die Brotbrechung waren in die Hostie des Priesters außerdem Bruchstellen geprägt, damit das Zerbrechen nicht zu viele Splitter und Krümel zur Folge hatte, die schwer alle einzusammeln wären. Wenn der Priester die Hostie beim Offertorium aufdeckte, wenn er das Brokatvelum und den gestärkten Leinendeckel, die Palla, von der goldenen Patene nahm, die die Hostie trug, und die Patene dem Subdiakon gab, der sie unter einem großen Schultervelum verborgen und zu gleich in die Höhe hielt, solange die Opferhandlung andauerte, lag die Hostie auf dem gestärkten Leinenkorporale.

Der Priester stand mit erhobenen Händen vor ihr und blickte auf diese weiße Scheibe auf dem weißen Tuch hinab. Wenn er sie berührte, dann stets mit beiden Händen. Er bedeckte sie mit einer Vielzahl von Kreuzzeichen, er konnte nicht zu und über sie sprechen, ohne sie unablässig zu segnen, wobei die Segenszeichen über der konsekrierten Hostie selbstverständlich nicht die Hostie mehr segnen wollten, als vielmehr den Segen ausdrücken, der nun von ihr ausging.

Die meisten Ehrfurchtsformen sind verschwunden

Es war für mich stets aufs Neue ein heikles Erlebnis, die Hostie von Nahem so ungeschützt, gleichsam nackt auf dem weißen Tuch liegen zu sehen, ein Anblick, der für meine Augen als denen eines Laien eigentlich nicht bestimmt war. Zwischen Hostie und Priester fand etwas Geheimes statt. Es gab eine regelrechte Beziehung, eine Art Zwiesprache zwischen Hostie und Priester, die er mit seinem Körper für die Augen der Gemeinde verbarg, die ich in Erfüllung meines Dienstes nun aber doch mitbekam und mitbekommen musste. Wie ein Krankenpfleger, der unversehens in die Lage gerät, eine Respektsperson auskleiden zu müssen. Das leise Knacken, mit dem die Hostie zerbrach, schien mir nicht für meine Ohren bestimmt, das war eine Intimität, zu der ich nicht berechtigt war.

Es ist allgemein bekannt, dass sich an dieser Verehrung der Hostie, der Opfergabe, wie dies lateinische Wort zu übersetzen ist, nach dem II. Vatikanischen Konzil in der katholischen Kirche viel geändert hat. Die meisten dieser beschriebenen Ehrfurchtsformen sind verschwunden. Die Reformer versicherten dem frommen Volk, dass die Ehrfurcht der Hostie gegenüber, die Anbetung der Hostie als wirkliche körperliche Erscheinung Jesu Christi in der Kirche der Apostel und ihrer frühen Nachfolger unbekannt gewesen sei. Diese Hostienverehrung sei mittelalterlich, hieß es, und das Wort Mittelalter hat in der modernen Kirche einen noch viel schlechteren Klang als in der modernen Philosophie und Geschichtswissenschaft, die das Lieblingsklischee der Aufklärung, das „finstere Mittelalter“, allmählich zu untersuchen beginnt. Und in dem Maß, in dem diese mittelalterliche Finsternis sich zu erhellen und aufzulösen beginnt, zeichnet sich das Profil einer der schöpferischsten, buntesten, reichsten Epochen der Menschheitsgeschichte ab, auch einer der spirituell wagemutigsten.

Aber nicht um das rechte Bild vom Mittelalter ist es mir heute zu tun. Auf der Suche nach unzerstörter authentischer Liturgie fand ich zu den Gottesdiensten der Ostkirche und hier achtete ich besonders auf die Verehrung, die der Hostie entgegengebracht wurde, denn die Liturgie der Ostkirche kann nun wahrlich nicht mit dem Mittelalter in Beziehung gesetzt werden; ihre unveränderte Herkunft aus der Frühzeit des ersten Jahrtausends ist dogmatisch abgesichert. Liturgie gilt den byzantinisch geprägten Christen als Offenbarung Gottes, die von oben geschenkt wird; der von Cherubim und Seraphim angebetete und bediente Gott schenkt den Menschen die Gnade, an diesem Engelsdienst teilzunehmen und zu ihm hinzuzutreten. Veränderung und Anpassung dieser göttlichen Liturgie ist streng verboten und widerspricht dem Selbstverständnis der Feiernden.

Die sakramentale Praxis der Kirchen des Ostens

Die Hostien sehen in der byzantinischen Welt übrigens anders aus als im Westen. Während die lateinische Kirche ungesäuertes Brot verwendet, um den jüdischen Brauch des Paschafestes nachzuahmen, erinnert die Ostkirche an Christi Wort, er sei der Sauerteig und hält nur gesäuertes Brot für statthaft. Eine Praxis, die die Westkirche als eigene Tradition vollständig respektiert, wie auch alle anderen Abweichungen in der östlichen sakramentalen Praxis.

Ich hatte aus dem berühmten Buch von Ernst Benz über die Ostkirche erfahren, dass die Ostkirche die Verehrung der Hostie bei Weitem nicht im gleichen Maß wie die Westkirche kenne: Es gebe in der Ostkirche keine eucharistische Anbetung, keinen sakramentalen Segen und keinen Tabernakel. Aus dem Zungenschlag dieses in vielem bemerkenswerten Buches meinte ich allerdings heraushören zu können, dass hier ein protestantischer Liebhaber der Orthodoxie den Versuch unternehme, die Ostkirche möglichst gründlich von der lateinischen Kirche abzugrenzen.

Höchste Ehrfurcht

Meine Erfahrungen in den griechischen, russischen und koptischen Liturgien bestätigten diesen Eindruck. Selbstverständlich besitzt die Orthodoxie Tabernakel für die heilige Reserve. Am Schluss der Liturgie segnet der Priester die Gemeinde mit dem im Kelch verbliebenen Leib und Blut, den Kelch hat er dabei mit einem roten Korporale umhüllt. Am Karfreitag, an dem keine Messe gefeiert werden darf, feiert die Ostkirche immer noch die „missa praesanctificatorum“ „der am Tag zuvor konsekrierten“ Gaben. Der Opfercharakter der Liturgie ist gegenüber der lateinischen Liturgie – gerade auch gegenüber der vorkonziliaren – noch viel entschiedener herausgestellt. Bei der Bereitung der Hostien, die bei der Orthodoxie ganz am Beginn des Ritus liegt und hinter der Ikonostase ohne Beteiligung der Gemeinde stattfindet, werden die zur Wandlung ausgesonderten Brotstücke mit einer kleinen Lanze durchbohrt, wie die Seite Jesu auf Golgotha mit einer Lanze geöffnet wurde.

Die Prozession der noch ungewandelten Opfergaben wird von der höchsten Ehrfurcht begleitet. Der Priester trägt Wein und Brot prächtig verhüllt durch die Kirche. Vor ihm bewegt sich ein rückwärts gehender Weihrauchträger, der die Gaben unablässig inzensiert. Je nach Gemeinde ist man tief verbeugt oder auch kniend und mit der Stirn den Boden berührend, während die ungewandelten Gaben vorüberschweben. Die Hostie wird hier wie ein noch nicht gekrönter Monarch behandelt, der seiner Krönung, bereits von allen Zeichen der Verehrung begleitet, entgegenzieht. Bei den Kopten ist der Fächer noch in Gebrauch, mit der der konsekrierten Hostie Luft zugefächelt wird, gewiss auch um die Fliegen zu vertreiben, wie eben einem realen Herrscher gedient wurde. Auch der Westen kannte solche Zeremonialfächer noch im Mittelalter, aber was die Kopten praktizieren, ist frühestes Christentum.

Enthaltsam beim Essen und in der Ehe

Den ägyptischen Christen verdankt die christliche Religion zwei ihrer bedeutungsvollsten Institutionen: die Definition Mariens als der Gottesmutter und das Mönchtum. Bei ihnen kann man bis auf den heutigen Tag studieren, wie es die frühen Christen mit der Hostie hielten; authentischer geht es nicht. Wer zur Kommunion geht, hat davor einen Tag gefastet und war auch in der Ehe enthaltsam. Man zieht seine Schuhe aus, denn das Sanktuarium ist „heiliger Boden“ und die Hostie wurde im brennenden Dornbusch präfiguriert: Das Lebensbrot, das nicht weniger wird, wie viele auch davon gezehrt haben. Die Kommunion empfängt man in den Mund, danach presst man ein Tuch, das von Augustinus beschriebene Dominicale, auf den Mund und begibt sich so zum nächsten Priester, der das kostbare Blut spendet. Dieses Tuch wird später nach den gleichen Regeln ausgespült wie ich das schon beim Korporale und dem Kelchtüchlein beschrieben habe.

Einen wichtigen Brauch enthält sowohl der koptische als auch der griechisch-orthodoxe Ritus, der höchst katechetisch noch einmal auf die besondere Natur der Hostie hinweist. Während der Wandlung werden große Schüsseln voller Brotstücke gebracht, die über die gewandelten Opfergaben gehalten werden. Diese Brotstücke, die so genannten Antidora, werden nach der Liturgie an alle ausgeteilt: Man geht nach vorn, küsst die Hand des Priesters und das Brot und verzehrt es noch in der Kirche oder bringt es Daheimgebliebenen mit. Und dieses Brot ist eben nicht die Hostie, es ist gesegnetes, heiliges Brot, aber eben nicht der Leib des Herrn; es kann unvorbereitet empfangen werden und ist zwar mit dem Segen des Altares ausgestattet, aber dennoch „gemeine Speise“. In diesen orientalischen Riten kann es niemals eine Unklarheit darüber geben, wo die heilige Kommunion endet und das Liebesmahl der Gemeinde beginnt.

Gedanken und Realität

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie all diese Details von Riten, die Ihnen wahrscheinlich eher fremd sind, mit Verwunderung, vielleicht sogar mit Ungeduld zur Kenntnis genommen haben. Vielleicht haben Sie eine theologische Betrachtung zur Abendmahlstheologie erwartet, eine Auseinandersetzung mit der katholischen und evangelischen Sicht der Gründonnerstagsgeheimnisse. Nun bin ich kein Theologe. Als Erzähler bin ich von dem, was ich sehe, unendlich viel mehr fasziniert als von den tiefsten Gedanken. Der Gedanke kann sich aufblähen und den ganzen inneren Kosmos ausfüllen, und dann wieder wie eine Federwolke auseinanderfliegen – eben noch meinte man ihn fest ergriffen und begriffen zu haben, da hat er sich schon wieder in Luft aufgelöst. Die beobachtete Realität hat für mich ein ganz anderes Gewicht, gerade auch dann, wenn ich sie nicht begreife.

Als Schriftsteller käme ich niemals auf den Einfall, einen Roman über die Menschenrechte oder über die Würde des Menschen oder über die philosophischen und religiösen Grundlagen von Menschenrecht und Menschenwürde zu schreiben. Ich würde immer versuchen, vor allem Menschen zu schildern, Menschen, die ihre Würde behaupten und solche, die sie verlieren. Menschen, aus deren Natur ihre sichere Einbettung in den Kosmos spricht, und Menschen, die verloren darin herumtreiben und von nichts weiter entfernt sind, als irgendwelche Rechte für sich reklamieren zu können.

Als ich erlebte, dass die Hostie geehrt wurde wie ein König, dem man nicht wagt, den Rücken zuzukehren, sondern von dem man sich rückwärts gehend entfernt, und mehr noch als ein König mit einer Ehrfurcht, in der die Furcht noch ganz deutlich spürbar war, prägte sich mir diese Verehrung tief ein. Es ist mir vollständig unbegreiflich, wie Menschen, die in dieser Verehrung erzogen worden sind, überhaupt den Gedanken fassen konnten, in dieser Verehrung eines Tages nachzulassen – es sei denn, man nehme eine schwere Krise ihres Glaubens an.

Respektlosigkeit und Demütigung

Wenn ich an die Abschaffung der Hostienanbetung und Hostienverehrung nach dem II. Vatikanischen Konzil – ebenso natürlich auch in den Jahrhunderten nach der Reformation – denke, sehe ich unwillkürlich ein militärisches Bild vor mir, vielleicht, weil das militärische Zeremoniell teilweise sogar immer noch eine Zeichensprache hat. Ich sehe die von einigen Schriftstellern besonders lebhaft beschriebene Degradierung des Hauptmanns Dreyfus vor mir, der nach seiner Verurteilung als deutscher Spion in voller Montur vor seinem Regiment anzutreten hatte, um den Urteilsspruch anzuhören. Nicht nur das Bagno auf der Insel Cayenne war seine Strafe, sondern auch der Verlust des militärischen Ranges. Der Offizier, der den Spruch verlesen hatte, forderte Dreyfus danach auf, ihm den Degen zu geben. Die Degenklinge des Hauptmanns wurde über dem Oberschenkel des Offiziers zerbrochen, die Bruchstücke dem vermeintlichen Verräter vor die Füße geworfen. Dann wurden Dreyfus die Epauletten von den Schultern gerissen und die Rangabzeichen von der Brust gelöst.

Genauso erscheint es mir, wenn ich sehe, wenn bei erhobener Hostie die Leute stehen bleiben, wenn sie die Kirche ohne Kniebeuge betreten, wenn sie die Kommunion in die ausgestreckte Hand empfangen – als demonstrative, zeichenhafte Entwürdigung. Der Empfang der Kommunion in die Hand ist nebenbei nicht deshalb unstatthaft, weil die Hände zum Empfang der Hostie irgendwie unwürdiger wären als die Zunge, oder weil sie womöglich schmutzig sind, sondern weil keine Möglichkeit besteht, die Hände jedes Laien nach der Kommunion abzuspülen, um die Partikel der Hostie zu sammeln.

Durch die Zeichen der Verehrung, die ich von früher Jugend auf gesehen habe, ist die Hostie für mich das geworden, was sie nach der Tradition der Kirche auch zu sein beansprucht: ein lebendes Wesen. Und die Gegenwart dieses lebenden Wesens siegte fortan bei mir über jeden Zweifel, von dem mein Glaube an Christus selbstverständlich nicht freigeblieben ist.

Es fällt mir schwer, von meinem Glauben oder Unglauben zu sprechen. Glauben soll nach christlicher Überzeugung bekannt werden, aber es spricht nach meinem Gefühl ebensoviel dafür, ihn zu verbergen. Wann immer ich in der Öffentlichkeit gesagt habe, dass ich an Gott glaube, habe ich mich danach geschämt. Dies Bekenntnis kam mir augenblicklich als verlogen vor, auf jeden Fall so stark vereinfacht, dass es eigentlich unwahr war. Das biblische Wort „Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben“ drückt in der paradoxalen Weise, die für den gesamten christlichen Glauben bezeichnend ist, alles aus, was zu dem Thema Glauben zu sagen ist. Unglauben ist im Übrigen vielfach, auch in meinem Fall, ein viel zu starkes Wort. Meist handelt es sich um eine Art Unsichtbarwerden Gottes, ein Verblassen und Sich- Verflüchtigen, ein Weniger-Wirklich- Werden der Glaubenswahrheiten. Diese Art von Unglauben hat nichts Heroisches, ist spirituelle Benommenheit, zeitweiliges metaphysisches Unvermögen. Ich neige dazu, dem großen rumänischen Nihilisten Emile Cioran recht zu geben, der der Überzeugung war, echter Unglaube sei genauso selten wie echter Glaube – die allermeisten Menschen schwimmen in dem großen grauen Meer dazwischen, sich gelegentlich der einen oder anderen Küste nähernd.

Die Gegenwart Gottes ist schreckenerregend

Fern liegt es mir also, irgendein Glaubensathletentum demonstrieren zu wollen, wenn ich bekenne, dass ich niemals, auch in den Zeiten, in denen mir Gott und Kirche scheinbar völlig aus dem Blickfeld gerückt waren, aufgehört habe, an die Heiligkeit der Hostie zu glauben – ich habe an die Heiligkeit der Hostie in Augenblicken geglaubt, an denen ich zugleich an der Möglichkeit, es könne überhaupt irgend etwas Heiliges geben, grundsätzlich zweifelte. Ich hätte auch in den Tagen, in denen die Religion vollständig aus meinem Bewusstsein geschwunden war, niemals eine konsekrierte Hostie angefasst, niemals einen Messkelch berührt, niemals vor einem Tabernakel kunsthistorischen Erklärungen gelauscht.

Ich sehe sehr deutlich, dass dieser in den Zeiten des Unglaubens praktizierte Glaube an die Hostie wahrscheinlich eine Frucht der früh erfahrenen und erlebten und selbst vollzogenen Verehrung der Hostie war. Als der Glaube sich verabschiedet hatte, blieb die Furcht. Die Furcht hat keine gute Reputation in unserer Zeit. „Fürchtet euch nicht!“ ruft es uns aus allen Kirchen und aus allen „Wort zum Sonntag“-Sendungen entgegen. Dabei wird oft vergessen, dass die Engel dies „Fürchtet euch nicht“ sagen müssen, weil Engel furchterregend sind.

Die Gegenwart Gottes ist „terribilis“ – „schreckenerregend“, sie ist der Augenblick der Wahrheit, vor der wir alle zittern müssen. Meine tief unter dem Glauben angesiedelte Furcht, die Hostie zu verunehren – eine Furcht, die in religiös gefestigten Milieus womöglich abergläubisch genannt würde –, habe ich gelernt, mit den Worten des Alten Bundes zu charakterisieren: „Timor Domini initium sapientiae.“ Und tatsächlich ist für mich diese Furcht der Anfang der Weisheit und auf jeden Fall das Fundament des Glaubens geworden.

Das Letzte Abendmahl

Vom rituellen Vollzug des Glaubens habe ich gesprochen und von der Wirkung dieses Vollzugs auf mich, weil mir das realer und wahrer erschien als das laientheologische Sprechen über Glaubenssätze. Aber ich will dem eigentlichen Inhalt des Glaubens doch schließlich nicht ausweichen. Die Verehrung der Hostie ist für mich zwar eine der Begründung nicht mehr bedürfende Selbstverständlichkeit, ein seelisches Bedürfnis, nach dessen Rechtfertigung ich nicht mehr frage, aber sie hat gleichwohl eine Rechtfertigung in jenem Gründonnerstagabend vor mehr als zweitausend Jahren, an dem Jesus seine Jünger in dem Saal versammelte, der für diese Versammlung mit Teppichen geschmückt worden war. Was während dieser Versammlung geschah, ist Gegenstand einer endlosen Diskussion geworden. Archäologen, Philologen und Philosophen haben sich über dieses Geschehnis gebeugt; die Ausdeutung dieses Ereignisses hat die Christenheit nach der Reformation tief gespalten. Ich werde von den Überlegungen, die die Theologen jedweder Richtung zu dem Charakter des Letzten Abendmahles angestellt haben, hier nichts wiederholen, auch nicht von jenen Erklärungsversuchen, die für mich als Katholiken verbindlich sind. Man gestatte mir, das Letzte Abendmahl, bei dem Jesus mit seinen Jüngern das Paschalamm aß, in aller Unschuld so zu betrachten, wie es sich mir bei der Lektüre der Evangelien darstellt, in der Verantwortungslosigkeit des Privatmannes, der für seine Deutung keine Geltung beansprucht.

Da sehe ich nun den Saal vor mir, in dem die Jünger mit Jesus zu Tisch saßen. Ich sehe sie ihr Lamm essen, ihr rituelles Opfermahl zum Gedenken an den Exodus aus Ägypten halten und nun Jesus Brot in die Hand nehmen, die Augen zum Himmel richten, das Brot segnen, es brechen und mit den Worten austeilen: „Das ist mein Leib, der für euch und für viele dahingegeben wird.“

Wenn ich mich nicht als Gläubiger, sondern als Leser einer literarischen Geschichte frage, wie er diese Worte gemeint haben könne, dann gibt es für mich aus dem Geist der Geschichte heraus nur eine Antwort: Wörtlich, so wie er es gesagt hat. Der Mann, der in dieser Geschichte seinen Freunden ein Stück Brot reicht und erklärt, das sei sein Leib, will damit sagen, dass er dieses Brot wirklich als seinen Leib ansieht. Er ist vielleicht verrückt. Man muss ihm nicht abnehmen, was er sagt. Er ist vielleicht ein in Allmachtswahn verblendeter Künstler im Stil eines Magritte, der unter das Bild einer Pfeife „ceci n’est pas une pipe“ geschrieben hat, aber er selbst meint und glaubt, was er sagt. In dem Ernst dieses geheimen bedeutungsvollen Mahles war nicht die Stunde für raffinierte Symbolismen, für intellektuelle Rätsel, für eine philosophierende Zeichensprache. Es ist mir nicht möglich, aus dem Kontext der Evangelien etwas anderes zu schließen, als dass der Mann, von dem dort berichtet wird, meinte, was er sagte.

Gott selber sagte, dies Brot sei sein Leib

Jesus von Nazareth ist es, von dem das Credo von Chalcedon behauptet, er sei „aus dem Vater geboren vor aller Zeit, Gott vom Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater“, und schließlich: dass durch ihn alles erschaffen sei. Nach dem Glauben der Kirche ist der Gott, der die Welt erschaffen hat, mit dem Mann, der vor knapp zweitausend Jahren in Jerusalem die Behauptung aufstellte, ein Stück Brot sei sein Leib, identisch. Gottes Gedanken und Gottes Wort schaffen die Wirklichkeit. Wirklich ist, was Gott beim Namen gerufen hat: das Licht und die Finsternis, Wasser und Luft, Tier und Mensch. Die neue Schöpfung aber ist nun nicht mehr Schöpfung aus dem Nichts. Sie ist Heilung der alten Schöpfung. Sie besteht in Wandlungen, Metamorphosen. Gott wird Mensch, wird vom Menschen zur bloßen Materie, die dem Menschen zur Nahrung dient und ihn vergöttlicht.

Der kolumbianische Philosoph Nicolas Gómez Dávila hat das Verhältnis von Jesus Christus zum Evangelium in folgenden Satz gefasst: „Wenn die Evangelien irgendeine Bedeutung haben sollen, muss Jesus von Nazareth Gottes Sohn sein. Wenn Jesus von Nazareth aber Gottes Sohn sein soll, bedarf es einer Christologie, die über die Evangelien weit hinausgeht.“ Nun, für die hier Versammelten besitzt das Evangelium Bedeutung, die jedenfalls weit über die irgendeiner Weltanschauung oder Philosophie hinausgeht. Niemand von den begeisterten Lesern des Sokrates, für die dessen Leben und Tod Vorbild war, kam auf den Gedanken, sich an dessen Todestag versammeln und einen Hahn opfern zu sollen, wie es der große Mann seinem Schüler Kriton kurz vor seinem Ende aufgetragen hatte. Wer sich am Gründonnerstag in einer Kirche einfindet, glaubt zu wissen, wer der Mann gewesen ist, der im Abendmahlssaal das Brot brach. Wenn aber Gott sagt, dies Brot sei sein Leib, gibt es vom Menschen darauf eine einzige Antwort: Dies Brot anzubeten.


Martin Mosebach, geb. 1951, lebt seit 1980 als Schriftsteller in Frankfurt a. M. Neben diversen Aufsätzen zu kunst- und kulturhistorischen Themen veröffentlichte er mehrere Romane. Im Jahre 1999 erhielt er den Heimito-von-Doderer- Preis, 2003 den Spycher- Literaturpreis in Leuk/Schweiz.