Licht der Welt und kein Kirchenlicht
Die Sakristei der Laien: Familie, Arbeitsplatz, Straße, Verein ...
Christen, die ihre christliche Berufung ernst nehmen, sich engagieren
wollen, drängt es häufig in kirchliche Ämter, Verbände und Räte,
Sakristeien und Altarräume. Viele wollen vor allem dem Pfarrer helfen,
andere beschwören die Rechte der mündigen Laien, wollen selber predigen,
kreativ sein und „Gottesdienst gestalten“.
Die Laien also als neue, als halbe Kleriker? Nimmt die Kirche ihre Laien
so wenig ernst, dass sich ihre Verantwortung tatsächlich im Vorlesen
der Epistel, im Austeilen der Heiligen Kommunion erschöpfen sollte?
Jesus hat gesagt, die Christen sollten hinaus in die Welt gehen – und
nicht in die kuscheligen Meditationsecken der eigenen Pfarrsäle und
-kirchen. Und das Zweite Vatikanische Konzil hat erklärt, Ziel und
Aufgabe der Laien sei es, sich und die Welt zu heiligen.
Somit kommt den Laienchristen eine enorme Verantwortung und Aufgabe zu.
Sie ist keinesfalls spektakulär, eher unauffällig, diskret – und
verflixt mühsam. So manche Menschen leben es vor: es geht also – mit
Wille und Demut, Geduld mit sich selbst, Gottes Gnade und einer gesunden
Portion Humor.
von Thomas Mertz
Lassen sich Christen auf der Straße erkennen? Tragen sie einen auf den Rücken fallenden Zopf wie ihr Herr und Meister, dem nachzufolgen sie sich bemühen? Waschen sie beim Nachhausekommen einer dem anderen die staubbeladenen Füße oder zumindest die Hände? Woran lässt sich ein Christ erkennen, einer, der verliebt ist in den Gott, der Mensch werden wollte, damit die Menschen Gotteskinder werden könnten.
Die Kirche, so ungefähr drückte sich einmal Papst Johannes Paul II. aus, hat der Welt keine konkreten Lösungen für ihre Probleme anzubieten, sondern ein Menschenbild, an dem sich die konkreten Lösungen messen lassen müssen. Die Welt ist bekanntlich nicht mehr jener paradiesische Himmelsgarten, aus dem der Mensch seines Ungehorsams wegen ausgestoßen wurde. Doch sie ist weiterhin die Schöpfung Gottes, an deren Fortentwicklung der Creator seinen Kindern noch vor dem Sündenfall Anteil gab.
Am Arbeitsplatz
Wer sich daher um eine gute Erfüllung seiner beruflichen Pflichten bemüht, dient Gott und hält somit Gottesdienst. Wer pünktlich zur Arbeit geht, aber auch wer pünktlich wieder geht, ist nicht spießig und unselbständig, wenig kreativ und gar nicht spontan, sondern hält sein Leben in Ordnung und übt die eigene Freiheit aus, verantwortungsbewusst halt, da weitere Pflichten auf ihn warten.
Wer am Arbeitsplatz nicht über Kollegen tratscht, nicht mobbt und auch nicht über seinen Arbeitgeber herzieht, der erweckt vielleicht bei einigen den Eindruck eines Sonderlings, verhält sich andererseits jedoch konsequent zu seiner christlichen Berufung. Das tut übrigens auch der, der keine Bleistifte mitgehen lässt und nicht auf Betriebskosten über Gebühr privat telefoniert.
Sachverstand und Fleiß, Ordnung und Konzentration, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, den Wunsch, seine Kenntnisse fortzubilden, ist ein natürlicher Reflex eines seiner Freiheit bewussten Kindes Gottes. Diese geistige Unabhängigkeit, die sich dem unpersönlichen Zeitgeist, in welchen konkreten Gesichtern er auch auftreten mag, gehört zur Basisspiritualität eines Christen, die nur ein gepflegtes Gebetsleben zu schenken vermag. Schließlich sollen Christen Gott anhängen und niemandem sonst, und folglich auch den Geist ihrer Zeit gestalten. Das frommt letztlich den Menschen ganzheitlich.
Respekt vor Andersdenkenden
Die tägliche Beschäftigung mit Christus formt eine tiefe Kenntnis der Welt und der auf ihr lebenden Bewohner. Es formt Respekt und eine Toleranz, die die Meinungen anderer gelten lässt, wenn sie von der eigenen abweichen. Verhindert, dass die abgelehnte Überzeugung eines anderen zum Anlass genommen wird, ihn in die Badewanne zu setzen, den Stöpsel zu ziehen und den Unliebsamen zugleich mit dem Wasser auszuschütten. Verbindlich im christlichen Leben sind nur die Dogmen, zumal man gegen Jungfrauengeburt, Transsubstantiation und Auferstehung eigentlich nicht argumentieren kann. Man glaubt es oder lässt es. Gegen den Verstand jedenfalls sind sie nicht.
Wenn also jemand meint, er müsse gegen den Papst, die Kirche oder irgendeinen Glaubenssatz schimpfen, dann sollte er im Christen einen Gesprächspartner finden, der mit der gleichen soliden Kenntnis, die er in beruflichen Angelegenheiten besitzt, auch die Aspekte seines Glaubens darzustellen versteht, mit Verständnis und Unnachgiebigkeit, die er gerne in anderen Dingen übt. Er wird solch normalen Menschen an der Theke oder auf dem Fußballplatz vielleicht sogar die Bewunderung nicht versagen können, weil sie ihren Papst oder Bischof verteidigen, gerade weil andere dies nicht tun.
Ohne Familie geht es nicht. Das gilt für die Kirche nicht minder als für den Staat. Damit die Familie nicht in den Abscheurungsprozessen der Historie aufgerieben und gleichgeschaltet werden kann, hat Christus die natürliche Ehe sakramental aufgewertet. Sie ist zu einem „großen Geheimnis“, zum irdischen Ebenbild der göttlichen Dreifaltigkeit geworden.
Der Anblick entblößter Gestalten der Spezies Mensch lässt sich heutzutage in Europa kaum vermeiden. Da der Mensch keinen Körper hat, sondern Körper ist, ist der menschliche Leib eine Freude, geschaffen von Gott, um sich auszusprechen durch Gesten, Blicke, Handlungen. Gerade wegen der Beziehungshaftigkeit seines Leibes weiß andererseits eine reife Person, dass das Betrachten eines sich feilbietenden Menschen die eigene innere Instinkthaftigkeit anspricht und animiert. dass Weibchen und Männchen im Reizzustand zur Kopulation neigen, dazu genügt ein Blick auf die Tierwelt. Der Mensch ist aber kein Tier, sein Handeln ist aufs engste mit Verstand und Willen gekoppelt, mit Reflektion und Bewusstheit. Verhält er sich anders, wird der Mensch so lächerlich wie ein Walross, das zu Tanzen beginnt. Und wenn der Mensch auch beim Anblick eines nackten Geschöpfes seiner Art nicht erröten muss, so wenig wie beim Anblick eines ausgezogenen Tisches, so schämt er sich doch – und ausschließlich – einer Sünde wegen.
Ehrlichkeit
Überhaupt ist Ehrlichkeit eines der wesentlichen Kennzeichnen eines Christen in der Welt. Ehrlich zu seinem Gott, ehrlich in der Beichte, ehrlich zu sich selbst, folglich auch ehrlich zu seinen Mitmenschen, besonders im Geflecht der eigenen Familie. Das Gespräch der Ehepartner miteinander, die Feinfühligkeit im Umgang, die Überwindung eigener Bequemlichkeiten, um das Leben, das eh schwer genug ist, dem anderen angenehmer zu machen.
Interesse am und im Gespräch, Zeit füreinander, das Kennen der Wünsche des anderen, seiner berechtigten und unberechtigten Bedürfnisse, die unbeachtet sich ansonsten in die Exkremente eines frustrierten Lebensgefühls verkehren müssten.
Besonders in Zeiten wie der gegenwärtigen ist möglicherweise die Wertschätzung der eigenen Würde, wie sie auch in der Kleidung, im „Zurechtmachen“ ganz allgemein anschaulich wird, und die des konkreten persönlichen Gegenübers, dem stets Christus innewohnt, besonders wichtig.
Mag es in der Familie noch leicht fallen, jemandem einen Stuhl zu holen, ihn am Morgen nicht anzusprechen, bevor er richtig wach geworden ist, oder im Tagesverlauf auch den Gedanken zu hegen, wie man seinen Angehörigen in ihren jeweiligen Problemen, Anliegen, Aufgaben, Herausforderungen, Prüfungen oder Erfolgsabsichten beistehen kann, so ist es morgens in der Straßenbahn schon schwieriger einen Platz zu ergattern – falls man es geschafft hat einzusteigen. Ähnliches gilt auch für die diversen Schlachten an den diversen Kalten Büffets, zu denen der Mensch womöglich eingeladen wird. Warum mahlt eigentlich immer der zuerst, der zuerst gekommen ist?
Dem Zeitgeist gehorchend – mit einem Gehorsam, der den religiösen bei Weitem in den Schatten stellt in seinen Anforderungen und seinen subtilen Hab-acht-Befehlen – ist der Rückzug in das individualistische Monadentum post-moderner Prägung die Alltagswirklichkeit, in die hinein der gewöhnliche Christ seine Botschaft zu verkünden hat: die Befreiung von der Sünde und damit zusammenhängend von der Ichverhaftetheit des Geschöpfes.
Gesellschaft gestalten
Überall treffen sich Menschen mit ihrem persönlichen Schicksal, ihren Hoffnungen und ihrer individuellen Erlösungsbedürftigkeit, denen ein Christ, der den Katechismus und das Leben kennt, immer etwas zu geben hat. Das gilt auch für die Politik. Wo offenbar viele, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, kein Staats- und ordnungspolitisches Verständnis, geschweige denn ein realitätsbezogenes Menschenbild mehr besitzen, da kann ein interessierter und aktiver Laie mehr denn je Gedanken zum Wohl der Gemeinschaft offerieren. Er kann zusammen mit anderen auch Konzepte und Strukturen entwickeln, die den Bewohnern eines Landes eine wirklich lebenswerte Lebensbasis ermöglichen. Und wenn er es kann, dann ist er – gerade als Christ – dazu auch seinen Möglichkeiten entsprechend verpflichtet.
Heilige Messe und tägliches Gebet
In einem Heiligsprechungsprozess werden die heroischen Tugenden des Kandidaten geprüft. Glaube, Hoffnung und Liebe zu allererst, dann auch die natürlichen Tugenden. Der Prozess beurteilt also die gelungene, von Gott motivierte und vom Geschöpf mitbestimmte Vervollkommnung des Menschseins. Dass es dazu nicht eines weihrauchgeschwängerten Ambientes bedarf, nicht des ständigen ungebrochenen Anblicks von Altar und Sakristei, das hat das Zweite Vatikanische Konzil unmissverständlich verkündet. Ohne Gebet und Messe wird es jedoch nicht gehen.
Das tägliche Gebet, das eine reale Macht besitzt, die jedem sichtbar wird, der es regelmäßig praktiziert, ist nicht zuletzt nötig, um im Getriebe der Welt nicht zu verweltlichen. Es hilft dazu, die eigenen Unzulänglichkeiten aus der Perspektive Gottes zu sehen und den Blick mehr für das zu öffnen, was Gott tut, als überschwer an der Antwort der Kinder zu leiden. Es verhilft dazu, über sich selbst hinauszuwachsen, wie eine Pflanze, langsam und stetig.
Die Messe ist die Wurzel und Mitte im Alltag eines jeden Christen. Hier werden Gott die Erfolge und Anstrengungen, die Fehler und Bedürftigkeiten, kurz: Glanz und Mist des menschlichen Lebens, dargebracht, sie fließen durch das Kreuzesopfer Christi in das Erlösungswerk.









